Vor 101 Jahren, in der Nacht vom 28.Januar zum 29.Januar 1921 hat die Regierung in Ankara das kommunistische Blutbad vollzogen und somit wurden Suphi und weitere 14 Genossen:innen, die erste Erwärmung der blutigen Geschichte der Türkischen Republik. Auch heute werden Bolschewiki und alle Nachfolger:innen von Suphi und seinen Genossen:innen verfolgt, erstickt und verurteilt, denn der Kamp und der Widerstand der Unterdrückten Völker geht weiter.

Mustafa Suphi, der erste Vorsitzender des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der Türkei (TKP), wurde 1889 in Giresun geboren. Sein Vater, Ali Riza Bey, hat in verschiedenen Regionen im Namen des Amtes als Gouverneur gearbeitet und war ein osmanischer Demokrat. Suphi ging nach Paris, wo er die Fakultät für Politikwissenschaften beendete. In Frankreich stand Suphi der jüngtürkischen Reformbewegung nahe. Dort war er auch Reporter der Zeitung Tanin.1910 kehrte er nach İstanbul zurück und arbeitete dort als Lehrer und Journalist.

Nach dem im Jahre 1911 der allgemeine Kongress der Partei für Einheit und Fortschritt stattgefunden hatte, brach er seine Beziehung zu seiner Organisation ab und geht in Opposition zu dieser über. Im Jahre 1913 wurde Suphi im Rahmen einer Verhaftungswelle gegen Oppositionelle nach der Ermordung des jungtürkischen Grosswesirs Mahmut Sevket Pascha zu 15 Jahren Exil in Sinop verurteilt. Von dort aus gelang ihm 1914 die Flucht nach Russland. Als das Osmanische Reich im Krieg war, wurde er als Kriegsgefangener in den Ural verbannt. Im Häftlingslager machte er Bekanntschaft mit den Bolschewiki und erlangte seine kommunistische Identität. Mit eine aus türkischen Kriegsgefangenen gebildeten “Roten Division” kämpfte Suphi an der Seite der Roten Armee im Bürgerkrieg.

Nach der Revolution im Jahre 1917, ging er nach Moskau. 1919 nahm er am Kongress der Kommunistischen Internationale teil und gründete die erste türkischsprachige kommunistische Zeitung Yeni Dünya (Neue Welt).

Am 10. September 1920 wurde in Baku, mit der Teilnahme von 75 aus der Türkei angereisten Delegierten, der erste und Allgemeine Kongress türkischer Kommunisten:innen einberufen. Auf dem Kongress vereinigten sich die kommunistischen Gruppen und gründeten die Kommunistische Partei der Türkei (TKP). Zum Vorsitzenden der TKP wurde Mustafa Suphi gewählt und zum Generalsekretär Ethem Nejat. Ziele dieser Organisation waren die nationale Befreiungsbewegung gegen den Imperialismus zu vertiefen. In diesem Zusammenhang sollten die Bedingungen und die Grundlage endgültige Ziele der Arbeiterklasse, die Herrschaft der Werktätigen errichtet werden. Somit sind Suphi und seine Genossen:innen aufgebrochen um in Anatolien den Kampf zu führen.

In Kars wurden sie von dem Kommandanten der Ostfront, Kazım Karabekir in Empfang genommen und für lange Zeit dort aufgehalten. Nach dem Befehl, sie nicht nach Ankara zu lassen, sind sie nach erschwertem, tagelangem Weg über Erzurum Bayburt Gümüşhane und Maçka in Trabzon angelangt. Jedoch wurden sie auf dem Weg von einer Massengruppe, die durch die Militär zum Gewalt aufgehetzt wurde, mit Steinen attackiert. So hoffte Karabekir, die kommunistische Delegation ohne Brüskierung der Sowjetregierung zu vertreiben.

In Jener Nacht zum 29.Januar 1921 wurden Suphi und seine 14 Genossen:innen in Trabzon ins Boot verfrachtet, der angeblich das Ziel Batum hatte. Suphis russische Ehefrau Maria war vor der Abfahrt des Schiffes von der Gruppe getrennt worden. Sie wurde von Yeahyas Bande versklavt, vergewaltigt und in den Tod getrieben. Vor der Küste von Trabzon oder Sürmene wurden sie von einem zweiten Boot, der von hinten kam, auf heimtückischer Weise angegriffen. Sie wurden ermordet und gefesellt ins Meer geworfen.

Das Erbe von Suphi und seinen Genossen:innen ist die erste Fackel der kommunistischen Organisationen der Türkei. Aus diesem Anlass gedenken wir an Suphi, seine 14 Genossen:innen und Meryem(Maria) Suphi. Um den historischen Werdegang verinnerlichen zu können, haben wir ein Auszug von der Dichter und Dramatiker Nazım Hikmet.

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„Was guckst du denn andauernd?“

„Ob uns jemand verfolgt.“

„Wieso sollte uns jemand verfolgen?“

„Glaubst du, der Ayın-Pe weiß nicht, was sich in Bolu alles getan hat? Hör mir gut zu, Ahmet“, er sprach jetzt leiser.

„Mustafa Suphi und seine Leute sind umgebracht worden.“

„Wer war das-Mustafa Suphi?“

„Das war der Anführer der turkischen Bolschewiken.“

Wir kamen auf einen mit Föhren bewachsenen Hügel. Yusuf sagte:

„Mustafa Kemal hat die Männer aus Rußland hergeholt. Suphi war in Rußland gefangengenommen worden und hatte sich später von Bolschewiken angeschlossen. Bei ihm waren auch Leute aus Istanbul, die an einer Konferenz in Baku teilgenommen hatten.“

„Und weiter?“

„Sie erhielten die Einladung Mustafa Kemals und kamen an die Grenze. Dort hat sie Kazım Karabekir Pascha erwartet.“

Wir setzten uns unter die Föhren. Das Wetter war prachtvoll. Vom Schwarzen Meer her wehte ein frischer Wind.

„In Erzurum sind die Religionsfanatiker und ein Haufen Gesindel dazu gebracht worden, einen Verein -Zum Schutz der Heiligtümer- zu gründen. Schon am Stadttor hat sich dieser Verein zum -Empfang- von Suphi und seinen Freunden zusammengerottet. Sie haben pfui geschrien und die Wagen Suphis mit Steinen beworfen. »Die machen aus unseren Moscheen Ställe«, haben sie geschrien, »die reißen unseren Frauen den Schleier vom Gesicht«, »die zwingen uns, Hüte aufzusetzen!« Karabekir hat Suphi und seinen Genossen die Waffen abgenommen und sie dann nach Trabzon gebracht!“

Das Schwarze Meer erstreckt sich nach allen drei Richtungen ins Unendliche. Keine Rauchwolke von einem Schiff, kein Segel. „Hier wurden alle nachts in Değirmendere auf ein Motorboot verfrachtet. Das war am 28. Januar. Ein Schuft namens Yahya, der sonst auf die Motorboote aufpaßt, ein echtes Schwein, ein Mann von Topal Osman, hat dann, kaum war das Boot mit Suphi und seinen Leuten ein Stück aufs Meer hinausgefahren, ein paar Männer in ein anderes Boot geladen. Dieses Boot hat dann vor der Küste von Sürmene Suphis Boot gerammt. Fünfzehn Personen sollen in Suphis Boot gewesen sein. Darunter seine Frau, eine Russin. Der Kampf soll zwei Stunden gedauert haben. Plötzlich bekommt Suphi ein Gewehr in die Hand. In dem Augenblick aber, in dem er schießen will, setzt ihm eines von diesen Schweinen aus Trabzon, ein Kerl namens Faik, eine Pistole an den Nacken und drückt ab. Die anderen wurden erstochen oder erwürgt. Man band ihnen Steine und Eisenstücke an die Füße und warf sie ins Meer. Die russische Frau – sie soll sehr schön sein – wurde nach Trabzon gebracht. Sie ist in Yahyas Haus eingesperrt. Und jetzt befürchtet Ankara, daß auf diesen Vorfall hin noch einiges hier passieren könnte.“

„Ist in Trabzon jemand von den Unseren?“

„Ich weiß nicht. Der Ayın-Pe ist hier sehr stark.“

Das Schwarze Meer ist immer noch ruhig, glänzt und glitzert.

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„Und was hat Suphi mit seinen Leuten gesprochen? Haben sie an die Möglichkeit gedacht, getötet zu werden? Oder haben sie es geahnt? Und seit wann? Von dem Augenblick an, als man ihnen im Regierungsgebäude von Erzurum die Waffen abgenommen hatte? Oder haben sie erst Verdacht geschöpft, als ihre Wagen vor den Toren von Erzurum mit Steinen beworfen wurden? Und Kazım Karabekir Pascha, hat er sich innerlich gefreut, als er mit den Menschen redete, deren Tod er wie einen Feldzug vorbereitet hatte? Jetzt geht mir ein Licht auf: Der Pascha hat die armenischen Taschnaken ja nur mit Hilfe der Truppe besiegen können, die Suphi unter den in Rußland gefangenen Türken aufgestellt hatte! Diesen Sieg, mit dem er sich bis an sein Lebensende rühmen wird, verdankt er Suphi und seinen Freunden. Genau jenen Männer, die er jetzt nach Trabzon geschickt hat, um sie töten zu lassen!“

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Sie gehörten zu den klügsten Männern, die mein Volk jemals hervorgebracht hat. Mehr noch: Zu den tapfersten, türkischsten. Kaum jemand hat unsere Erde, die halbverhungerten Menschen, die sich, von Malaria ausgehöhlt, von Trahomen blind gemacht, in Fetzen gekleidet, mit kleinen, ausgezehrten Ochsen auf dieser Erde abrackern, dieses Volk, das vier Jahre lang an der Front, verlaust und verdreckt, sein Blut vergossen hat und jetzt an neuen, anderen Fronten al weiterkämpft-mehr geliebt als sie. Wer von uns hat an das Schöne, Gute, Hoffnungsvolle im Menschen mehr geglaubt als sie? Ich sehe Suphis Gesicht vor mir. Aber nur sein Gesicht, alles andere ist verschwommen. Von den anderen, die getötet werden sollten, sehe ich nur Brust, Hals und Rücken. Ihre Gesichter sind verschwommen. Und von den Mördern sehe ich Hände, Gewehre, Pistolen, Messer und Stricke. Ich sehe sogar, wie sich ihre Münder unter den Schnurrbärten verzerren. Ich sehe die Pistole dieses Schweines Faik aus Trabzon. Ich sehe auch Faiks Gesicht. Die Hakennase, das dunkle Gesicht und die Hand. Er drückt die Pistole in Suphis Nacken. Ich sehe, wie Suphi das Gewehr aus der Hand fällt. Suphi wird ins Wasser geworfen. Oder sie legen ihn vorher aufs Deck und binden ihm einen Stein an den Fuß. Erst werfen sie ihn ins Wasser und dann die anderen. Von diesen kenne ich nur einen mit Namen: Nejat, ein Lehrer aus Istanbul. Ob der Motor im Boot wohl stehengeblieben ist? Man kann sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn bloße Hände, Hände, die das Töten nicht kennen, zwei Stunden lang mit Händen kämpfen, die das Töten sehr wohl kennen, und die Messer, Gewehre, Pistolen und Stricke halten.Ich Erkenne das Gesicht von Nejat aus Istanbul nicht, ich sehe nur seinen Hals und den Stein, den sie darum gebunden haben. Als sie Nejat ins Wasser geworfen haben, kann er noch am Leben gewesen sein, schwer verwundet. Ich sehe, wie am Ufer manchmal ein Licht aufblitzt. Ich sehe, wie sich die Willen öffnen und schließen. Fünfzehn Mal öffnen und schließen.

SYM Kollektiv

Quelle:

Nazım Hikmet- Die Romantiker